|
Im Jahre 1847 verdiente ein Hirtenbub in Niederbayern 14 bis 17 Mark im Jahr, eine Magd in der Stadt konnte es bis auf 69 Mark bringen, bis zu 100 Mark ein Bedienter. Ein Schreiber erhielt zwischen 257 und 514 Mark. Das war auch ungefähr der Level eines Schulleiters. Für Schlossergesellen und Seifensieder lag die Obergrenze bei 163 Mark. Wie sahen die Preise im gleichen Jahr – ebenfalls in Niederbayern – aus? Hier ein paar Beispiele: 100 kg Weizen = 21,30 M, 1 kg Rindfleisch = 0,52 M, 1 kg Butter = 1,02 M. Für ein Kilo Roggenbrot musste man nicht mehr als 20 Pfennig hinlegen, ein Huhn war schon um 30 Pfennig zu haben. Das Brennholz einer Familie fürs ganze Jahr schlug allerdings mit 62 bis 82 Mark für die Verdiener kleinerer Einkommen ganz schön zu Buche. Im Allgemeinen wird die Preisentwicklung in Deutschland im 19. Jahrhundert bis zu den ersten Jahrzehnten im 20. Jahrhundert als relativ verhalten beurteilt. Von 1810 bis 1849 stiegen die Preise bei Rindfleisch von 0,51 auf 0,52 M, bei Schweinefleisch von 0,60 auf 0,64 M. Kalbfleisch wurde in dieser Zeit sogar von 0,50 auf 0,35 M um 15 Pfennig billiger. Auch der Butterpreis sank von 1,35 auf 1,22 M. Es war egal, ob man lieber Milch oder Bier trank. Der Preis stieg in dem genannten Zeitraum für einen Liter um nur 2 Pfennig, bei Milch von 8 auf 10, beim „flüssigen Brot“ von 10 auf 12 Pfennig; das Kilo Kartoffeln blieb mit 3 Pfennig unverändert – und das nach 39 Jahren! Aber auch 1910 konnte sich praktisch jeder seine Kartoffeln mit 6 Pfennig pro Kilo leisten. Die Preise der anderen genannten Nahrungsmittel lagen 1910 im Schnitt zwischen dem Doppelten und Dreifachen der Preise aus dem Jahr 1810, also nach 100 Jahren.
|
Eine solch mäßige Preisentwicklung können wir – bzw. unsere Nachkommen – uns für das nächste Jahrhundert nur wünschen! Von 1874 bis 1896 fiel der Index der Lebenshaltungskosten im Deutschen Reich sogar um 0,2 Prozent. Um 1875 bekam ein Arzt in Hameln (wo seinerzeit der Rattenfänger der Sage nach sein Unwesen getrieben hatte) für eine Behandlung 50 Pfennig, für einen Hausbesuch 75 Pfennig. 1896 verdiente ein Hamburger Hafenarbeiter allerdings im Monat nur ca. 61 Mark brutto – und arbeitete dabei bis zu 14 Stunden täglich. Ein Bergarbeiter ging für 3 Mark am Tag untertage. Und ein Arbeiter in der Münchener Münze brachte in der Woche 23 Mark nach Hause. Um 1900 kostete in Stettin 1 Kilo Butter 1,86 Mark, 1 Kilo Zucker 65 Pfennig, 1 Kilo Kaffee lag im Preis unter 4 Mark. Für 2 Mark konnte man in einem bürgerlichen Lokal in Berlin bei einem viergängigen Menü fürstlich tafeln. 1914 bekam man für eine Mark Silber noch 600 Gramm Rindfleisch oder 20 Heringe oder 4 Kilo Brot. 1920 reichten 10 Mark gerade einmal für ein halbes Kilo Butter. Und dann kam von 1921 an mit der Inflation die Zeit des trockenen Brotes. Täglich stiegen die Preise, mit (fast) wertlosen Geldbündeln im Rucksack versuchte man in den Geschäften etwas zu ergattern. Es gibt verschiedene Merkmale dafür, dass sich – von der 1920 beginnenden Inflation abgesehen – auch in Österreich die Kaufkraft im 19. und 20. Jahrhundert positiv entwickelte.
|
So haben wir das Brotbeispiel an Hand des Wochenlohns eines Taglöhners bzw. eines ungelernten Industriearbeiters: Er kam 1870 auf 6 Gulden in der Woche und konnte sich dafür bei einem Brotpreis von 0,16 Gulden pro Kilo 37,5 Kilolaibe kaufen. (Dafür musste er allerdings 78 Wochenstunden arbeiten.) 1900 sahen die Vergleichszahlen so aus: 16,3 Kronen Wochenlohn, 0,26 Kronen Kilopreis, 62,7 Kilo Brot bei nur noch 60 Arbeitsstunden. Dann begann 1920 die Inflation: Bei 622 Kronen Wochenlohn betrug der Brotpreis pro Kilo 476 Kronen. Damit bekam man für den wöchentlichen Salär gerade einmal 1,3 Kilo Brot. Da war es nur ein schwacher Trost, dass es jetzt die 48-Stunden-Woche gab. 1930 gab es immerhin bei 56 Schilling Wochenlohn und einem Preis von 55 Groschen für ein Kilo Brot bereits 101,8 Kilo Brot für den Wochenlohn mit 44 Arbeitsstunden. Bei einem Versuch des Österreichischen Statistischen Zentralamts, die Wochenlöhne des 19. und 20. Jahrhunderts auf die Kaufkraft von 1990 umzulegen, kam man zu folgenden Ergebnissen: 1830 entsprach ein Wochenlohn etwa 400 Schilling (nach den Kaufkraftmaßstäben von 1990), 1870 ca. 560 und 1910 ca. 770 Schilling. 1930 entsprach der Wochenlohn fast dem Doppelten von 1910 – nämlich 1.411 Schilling. Dazwischen lagen allerdings die Inflationsjahre, die alles auf den Kopf stellten. Das Thema Kaufkraft wird uns auch in der nächsten Folge beschäftigen.
|