Was kann ich mir dafür kaufen?

4. Folge - Kaufkraft ab dem 17. Jahrundert

Wie kommt es zur Veränderung der Kaufkraft, die ja meistens eine Verschlechterung ist? In der frühen Neuzeit trug die Entdeckung Amerikas und neuer Seewege dazu bei bzw. in der Folge das Anwachsen des Welthandels. Die Zunahme der Bevölkerung und gleichzeitig geringe Investitionen im Gewerbe und in der Landwirtschaft führten zu geringerer Produktion. Die Nachfrage war größer als das Angebot, die Preise stiegen. Aber auch die Geldmenge selbst nahm zu – einerseits durch größere Edelmetallförderung, andererseits durch Einführung des Buchgeldes. Durch bessere Ausbeute in den europäischen Silberbergwerken war die Silberförderung von 5.000 t im Jahr 1470 auf bis zu 25.000 t im Jahr 1618 gestiegen. Alles in allem lag die Geldvermehrung – einschließlich Buchgeld – bei mehr als 400%. Die Bevölkerungszahl war um 70% höher. Preise und Löhne waren um 40 bis 260% gewachsen. Es gab früher aber auch – z. B. in Österreich – viele kurzfristige Schwankungen. So konnten die Preisunterschiede in kurzen Perioden bei Wein und Brot 100 % und mehr ausmachen. Bei Missernten zogen nicht nur die Preise an, die Arbeit wurde auch rar. Und damit kam es buchstäblich zu Hungerlöhnen. Die frühe Industrialisierung brachte zwar Arbeit, aber auch schnelle Arbeitslosigkeit ohne soziale Absicherung. In der Folge wollen wir wieder anhand von Einzelbeispielen im deutschsprachigen Raum einige Löhne und Preise betrachten – diesmal vom 17. Jahrhundert an: Eine Magd bekam in Österreich um 1600 in der Regel 4 Gulden, Ende des 17. Jahrhunderts 5 Gulden im Jahr – bei freier Unterkunft und Verpflegung. Um 1700 brachte es ein Taglöhner auf 15 Kreuzer, Ende des 18. Jh.s auf 25 Kreuzer. 1689 kostete in Wien ein Kilo Roggenbrot 1,7 Kreuzer, 1695 aber schon 3,7 Kreuzer, und 1722 lag der Preis bei 4,3 Kreuzer. In einem
Beispiel wird sehr anschaulich der Wochenlohn eines Taglöhners oder ungelernten Industriearbeiters in „Broteinheiten“ festgehalten. Es wird gezeigt, wie viel der Lohn in Kilogramm Brot ausmacht: 1790 waren das bei einem Wochenlohn von 1,5 Gulden und dem Kilopreis des Brots von 0,07 Gulden 21,4 Kilo. 1667 machte der Lohn für einen Regensburger Zimmermeister 20 Kreuzer am Tag aus. Ein Taglöhner verdiente nur 12 Kreuzer. Ein Kilo Rindfleisch kostete aber 8 Kreuzer. Da war ein Abendessen mit Bier um 2 Kreuzer geradezu wohlfeil.Wollte man aber ein Quantum von 0,8 Liter Wein, musste ein Taglöhner den ganzen Tagessalär opfern, denn diese Menge kostete 12 bis 13 Kreuzer.
Ja, es stimmte sicher: „Alle Tage ist kein Sonntag, alle Tage gibt’s kein’Wein“, wie es in einem Lied so schön heißt. Wie sich die Preise vom Anfang des 17. Jh.s bis Mitte des 19. Jh.s entwickelten, zeigen Beispiele aus Schleswig-Holstein: Rund 110 Kilo Weizen kosteten 1622 ganze 6 Mark und 8 Schilling, 1776 nahezu doppelt so viel, nämlich 12 Mark und 4 Schilling – und 1854 das rund Dreifache mit 18 Mark und 12 Schilling. Ein
Ochse mit rund 300 Kilo Lebendgewicht war 1622 um 14 Mark zu haben, hatte 1776 mit 9 Reichstalern (ca. 37 Mark) schon ganz schön angezogen und kostete 1854 – sage und schreibe – 62 Reichstaler und 32 Schilling. Eine 4,5-Kilo-Gans kostete 1622 gerade einmal 6 Schilling, 1776 war der doppelte Betrag fällig, und 1854 betrug der Preis 37,5 Schilling. Ein Huhn war 1622 um 1,5 Schilling zu haben und kostete 1776 mehr als das Doppelte, nämlich 4 Schilling, 1854 musste man 10 Schilling für ein Huhn berappen. Schuhe stiegen im Preis sogar von 11 Schilling im Jahr 1622 auf 3 Mark (1776) und schließlich auf 5 Mark (1854). Ein Reichstaler entsprach 3 Mark, eine Mark 16 Schilling, ein Schilling 12 Pfennig. Die Preise stiegen also ständig, und oft kamen die Löhne nicht mit – das kommt uns bekannt vor. Dabei sollte das „dicke Ende“ mit der Hyperinflation in Österreich und Deutschland erst kommen. Darüber und über andere Kaufkraftverschiebungen wird das nächste Mal zu berichten sein.
   
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